Cem ist die Bezeichnung für das alevitische Gebet. Es ist ein Akt der Anbetung zu Ehren der 12 Imame (Ehlibeyt), zu Ehren des Xızır, zum Zweck der Versöhnung (Halalisierung), zum Zweck der Blutsbrüderschaft (Müsayiplik), zum Zweck der Heirat oder zum Zweck der Moral und des Erlernens von Verhaltensregeln. Da das Amt der Vormundschaft aus dem Geschlecht der Mutter Fatma, d.h. aus dem Geschlecht der Ehlibeyt, stammt, wird es unter der Leitung der Amtsinhaber, Pir/Dede, ausgeübt, die das Amt innehaben. Auch wenn es sich um einen Pir handelt, ist die Zustimmung der Gemeinde im Cem erforderlich. Ohne diese Zustimmung kann es nicht begonnen werden. Wenn alle füreinander einverstanden sind, kann der Cem beginnen. Wenn Ressentiments bestehen, kann der Cem wieder nicht begonnen werden.
Der Gottesdienst wird im Voraus vorbereitet und organisiert. Vor dem Cem wird Rehber/Wegbegleiter versucht, Ressentiments auszuräumen und Cem zu organisieren. Dafür gibt es Funktionäre, 12 Dienstleistungserbringer, die die Cem-Zeremonie besser und effektiver gestalten. Die Cem-Zeremonie besteht aus Gebet, Niyaz, Niederwerfung und Zikir. Der Zakir ist derjenige, der mit Musik den Zikir, die Begeisterung, auslöst. Die Anbetung wird mit all ihren Ritualen verstanden und gelebt. Schon Tage vorher sind 12 Dienstleistungserbringer mit den Vorbereitungen beschäftigt. Die Teilnehmer nehmen sich schon Tage vorher für die CEM etwas vor. So erhalten sie Gülbank und Gebet von den Dede und der Gemeinde. Die Anbetung kommt aus dem Herzen und ein einmal jährlich stattfindender Besuch des Cem ist für die Erreichung der Rechtschaffenheit als essenziell zu betrachten.
Nur Kinder sind unschuldig und haben ein gutes Herz, daher eröffnet der Jüngste, wann immer es möglich ist, die Cem-Zeremonie, indem er das Feuer anstelle des Pir entzündet. Alle sind gleich, unabhängig von Geschlecht, Status, Beruf oder Ruhm. Sie sind alle menschliche Wesen.
Der alevitische Gottesdienst ist also nicht nur individuell, sondern auch sozial und organisatorisch. Der Einzelne verinnerlicht seinen Glauben und empfindet emphatische Selbstkontrolle füreinander. Ihr Ziel ist der Weg der Rechtschaffenheit.
Cem – 12 Dienste
Hier eine Auflistung der 12 Dienste:
1. Dede / Rehber: Der Dienst des Dedes und der des Rehbers werden zusammengefügt. Der Rehber kann hier sinngemäß als „Wegbegleiter“ bezeichnet werden, der die Anwesenden der Cem-Zeremonie durch den Gottesdienst begleitet und dem Dede im entfernten Sinne assistiert.
2. Zakir: Der Zakir ist für die musikalische Begleitung der Cem-Zeremonie verantwortlich. Mit dem anatolischen Saiteninstrument Saz spielt er religiöse Lieder (nefes, Deyiş, mersiye), vor allem aber Lobpreisungen an die Familie des Propheten Mohammed und die 12 Imame (Düvaz, Duaz-i İmam).
3. Gözcü: Gözcü vom Türkischen ins Deutsche übersetzt bedeutet „der Seher / die Seherin“. Hiermit sind jedoch keineswegs hellseherische Kräfte gemeint, sondern die das Hüten der Ordnung bzw. die Aufsicht in der Cem-Zeremonie. Der Dienst des Gözcüsist nämlich, für einen reibungslosen Ablauf des Gottesdienstes zu sorgen.
4. Delilci / Çerağci: Der Delilci entzündet das symbolische Licht im Cem-Gottesdienst. Dieses Licht soll die Erleuchtung darstellen und wird oft in Verbindung mit dem Ausspruch Hacı Bektaş Velis verwand: „Glücklich ist der, der die Gedankenfinsternis erhellt (Düşünce karanlığa ışık tutana ne mutlu)“.
5. Süpürgeci / Ferraş: Der Süpürgeci kann als Feger übersetzt werden. Das symbolische Fegen symbolisiert, dass all jenes, was in der Cem-Zeremonie geschieht (wie z.B. die Streitschlichtung), auch dort bleibt.
6. Semahcı / Pervane: Die Semahcıs sind die Personen, die das Semah-Ritual verrichten.
7. Saki / Sakkacı: Der Saki ist zum einen für die gleichmäßige Wasserverteilung in der Cem-Zeremonie verantwortlich. Zum anderen aber symbolisiert er das Leiden des Imam Hüseyins, der in Kerbela schweren Durst erleiden musste und ermordet wurde.
8. Kapıcı / Bekci: Kapıcı oder Bekci bedeutet sinngemäß Wächter. Nach Beginn der Cem-Zeremonie hat er die Aufgabe, niemanden hinein oder heraus zu lassen. Da in Anatolien früher die Cem-Zeremonien verboten waren, musste der Bekci dafür Sorge tragen, dass der Gottesdienst ungestört und verborgen ablaufen konnte.
9. Peyik: Die Aufgabe des Peyiks ist es, Datum, Ort und Uhrzeit den Mitgliedern der Gemeinde zu verkünden.
10. İznikci: Der İznikci ist für die Reinigung des Cem-Gottesdienstes verantwortlich. Zudem legt er mit einem Gebet bzw. dem „Rosenruf (Gülbeng)“ ein Schafsfell (post, secade) auf den Sitz des Dedes.
11. Teszekâr: Die Aufgabe dieses Dienstes ist es, durch eine symbolische Reinigung der Finger, die Seele der Menschen von Schlechtigkeiten zu befreien. Nicht selten führen ein Mann und eine Frau (häufig auch ein Ehepaar) diesen Dienst aus.
12. Lokmacı / Sofracı / Kurbancı: Jede Person, die zur Cem-Zeremonie erscheint, muss ein Nahrungsmittel mitbringen. Hierbei ist es vollkommen belanglos, wie viel der Einzelne mitgebracht hat. Die Aufgabe der Lokmacıs ist es, das gesamte Essen gleichmäßig an alle Beteiligten zu verteilen. Auf die gleichmäßige Verteilung an alle Teilnehmer der Zeremonie wird sehr viel Wert gelegt.

